Wissen Sie, was ich weiß?

Die Native Theorie beschäftigt sich mit der Fähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen. Diese Fähigkeit ist ein wichtiger Schritt in unserer sozial-kognitiven Entwicklung. Kommt es bei Kindern mit leichtem bis schwerem Hörverlust zu Verzögerungen bei diesem Schritt bzw. in der Nativen Theorie?

Kinder erleben täglich Situationen, in denen sie die Perspektive einer anderen Person einnehmen oder verstehen müssen, dass ein Gesprächspartner Gedanken, Gefühle und Überzeugungen haben kann, die sich von ihren eigenen unterscheiden. Diese Fähigkeit zu erkennen, dass andere unterschiedliche Wahrnehmungen einer Situation haben können, wird als Native Theorie bezeichnet. Ein Aspekt der Nativen Theorie wird False Belief-Verständnis genannt: das Wissen, dass ein anderes Individuum etwas glauben kann, was in der realen Welt nicht wahr ist. Zum Beispiel sieht Grace eine Tube neben dem Waschbecken im Bad und nimmt an, dass es Zahnpasta ist. Als sie sich die Zähne putzt, erkennt sie durch den schlechten Geschmack, dass sie versehentlich Haargel benutzt hat. Menschen mit False Belief-Verständnis erkennen, dass Grace sich geirrt hat, weil sie eine falsche Annahme hatte – sie dachte, dass die Tube Zahnpasta enthielt, was sie aber nicht tat.

False Belief-Verständnis entsteht bei Kindern im Alter von 4 bis 5 Jahren. False Belief ist ein wichtiger Entwicklungsschritt in der sozialen Kognition, weil er Voraussetzung für die Fähigkeit ist, menschliche Interaktionen wie Witze, Sarkasmus und Empathie zu verstehen und vorauszusagen, was andere denken. Frühere Studien haben gezeigt, dass taube Kinder mit hörenden Eltern Verzögerungen im False Belief-Verständnis aufweisen, was sich auch negativ auf die richtige Anwendung von Sprache auswirken kann. Bis heute haben sich nur wenige Forscher mit der Frage beschäftigt, ob schwerhörige Kinder auch False Belief-Verzögerungen zeigen.

Die „Outcomes of Children with Hearing Loss“-Studie (OCHL) untersucht die Auswirkungen von Hörverlust auf alle Aspekte der Entwicklung: Sprachentwicklung, Schulbildung und psychosoziale Fähigkeiten. Die Studie hatte außerdem das Ziel, die Entwicklung eines False Belief-Verständnisses zu untersuchen. Schwerhörige Kinder wurden mit 5 Jahren, 6 Jahren und in der zweiten Klasse auf eine Reihe von False Belief-Situationen getestet. Eine Vergleichsgruppe von hörenden Kindern durchlief die gleichen Tests. Im Alter von 5 bzw. 6 Jahren zeigten die schwerhörigen Kinder im Vergleich zu den hörenden Kindern deutliche Verzögerungen beim False Belief-Verständnis. In der zweiten Klasse gab es beim Verständnis von False Belief keine Unterschiede mehr zwischen den beiden Gruppen, was darauf hinweist, dass sich Verzögerungen mit der Zeit auflösen können.

Besseres Hörvermögen (auch durch Hilfsmittel) und bessere Sprachfähigkeiten wurden mit einem stärkeren False Belief-Verständnis assoziiert. Diese Ergebnisse liefern Hörakustikern, die mit schwerhörigen Kindern arbeiten, eine wichtige Grundlage. Sie sollten Eltern ermutigen, mit ihren Kindern über Gedanken, Gefühle und Überzeugungen zu sprechen. Auch sollten sie zu Rollenspielen mit Eltern und Gleichaltrigen anregen, da diese ebenfalls die Entwicklung von False Belief-Verständnis fördern können, weil Kinder im Rollenspiel automatisch die Perspektive anderer einnehmen müssen.

Die Forschungsergebnisse unterstreichen außerdem noch einmal, wie wichtig es ist, bewährte Verfahren für eine optimale Hörgeräteanpassung zu nutzen, da ein besseres Hörvermögen zu klaren Kaskadeneffekten nicht nur bei der Sprachentwicklung, sondern auch bei der psychosozialen Entwicklung führt.

 

Weitere Informationen zur OCHL-Studie finden Sie hier.

Mitwirkende der OCHL-Studie:

Beth Walker, PhD, CCC-A/SLP

Dr. Walker ist Assistant Professor am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften und -störungen sowie Direktorin des Labors für Pädaudiologie an der Universität von Iowa. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der pädiatrischen Hörtherapie. Sie ist eine der Verantwortlichen der NIH-geförderten „Outcomes of Children with Hearing Loss“-Studie.

Mary Pat Moeller, PhD, CCC-A

Dr. Moeller ist Direktorin des Zentrums für kindliche Taubheit, Sprache und Lernen am Boys Town National Research Hospital. Sie leitet gemeinsam mit Dr. J. Bruce Tomblin die NIH-geförderte „Outcomes of Children with Hearing Loss“-Studie.

Sophie Ambrose, PhD, CCC-SLP

Dr. Ambrose ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Direktorin des Communication Development Lab am Boys Town National Research Hospital. Ihre vom NIH geförderte Forschung untersucht Strategien zur Unterstützung von Bezugspersonen für eine optimale Sprachentwicklung von Kleinkindern, die taub und schwerhörig sind.