Studien

Oft sind es die kleinen Dinge im (Hör-)Leben, die zählen

Wie sich das Nutzenversprechen auf die Erwartungen von Betroffenen und die Hörgeräteakzeptanz auswirkt

Irgendwann um das Jahr 2000, zur Jahrtausendwende, gab es eine bahnbrechende Revolution bei Hörgeräten – den Wandel von der analogen zur digitalen Signalverarbeitung.

Aus Sicht des Ingenieurs war diese Innovation ein großer Erfolg, da die digitale Technologie eine noch nie dagewesene Verarbeitung von Tonsignalen ermöglichte. Dies führte zur Implementierung verschiedener Signalverarbeitungsschemata mit dem Ziel, das Hörvermögen von Menschen mit Hörverlust zu verbessern. Es gibt zahlreiche bekannte Vorteile der digitalen Technik: eine exaktere Anpassung, ein besseres Sprachverstehen in lauten Umgebungen (über Beamformer und Rauschunterdrückung), eine verbesserte Hörbarkeit von weichen und hochfrequenten Tönen (über Amplituden- und Frequenzkompression) und ein besseres Verstehen von Gesprächen mit Mobiltelefonen (über die brandneue direkte Konnektivität zwischen Hörgeräten und Mobiltelefonen).

Als Audiologin und Hörgeräteträgerin kann ich bestätigen, dass diese Veränderung sowohl für Hörgeräteakustiker als auch für Betroffene ein enormer Erfolg war. Aber was bedeutet Erfolg in diesem Zusammenhang? Wie kann er vor allem so beschrieben werden, dass diejenigen, die die Vorteile nicht erlebt haben, einen Eindruck davon bekommen? Wie messen wir den Erfolg richtig? Und: Warum ist das überhaupt relevant?

Lassen Sie mich dazu eine persönliche Geschichte erzählen…

Ich habe einen angeborenen schweren Hörverlust auf beiden Ohren, der mit Hörgeräten versorgt ist. Als damals digitale Hörgeräte herauskamen, war ich kurz vor der Volljährigkeit. Eines Tages kam ich in den Laden meines Hörakustikers und bekam eine Broschüre mit dem Aufmacher „Mit unseren brandneuen Hörgeräten werden Sie ein normales Hörvermögen haben!“ in die Hand gedrückt. Als ich diese Worte gelesen habe, wurde ich natürlich sehr aufgeregt, denn mein Traum war es immer gewesen, wie alle anderen zu hören. Ich konnte diese Erfahrung kaum abwarten und sagte meinem Hörakustiker sofort, dass er mich mit diesen neuen Geräten versorgen sollte.

Ein paar Tage später fand die mit Spannung erwartete Hörgeräteanpassung statt. Nachdem ich die Geräte eingeschaltet hatte, brauchte ich nur ein paar Sekunden um festzustellen, dass meine Vorstellung von normalem Hören nur ein Wunschtraum war, der sich in Rauch auflöste. Ich kehrte schnell auf den festen Boden der Realität zurück…und es schmerzte. Der Hörakustiker befand sich ebenfalls in einer schwierigen Situation, da er mir die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität erklären musste. Er überredete mich schließlich, die Hörgeräte im Alltag auszuprobieren. Ich nahm sie widerstrebend mit, verließ das Büro aber mit Tränen der Enttäuschung und nicht mit Freudentränen.

Zu meiner Überraschung hörte ich, nachdem ich einige Tage lang die Hörgeräte getragen hatte, Geräusche, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie hören würde. Ich erlebte plötzlich viele Vorteile. Eine der beeindruckendsten Erfahrungen war, dass ich beim Gehen meine eigenen Schritte hören konnte. WOW! Ich wusste nicht, dass das möglich war. Mir wurde plötzlich klar, wie laut ich war, als ich durch das Haus ging und die Spülmaschine ausräumte – Geräusche, denen meine Familie und Freunde zuvor ausgesetzt waren. Außerdem konnte ich hören, wenn sich ein Auto näherte, was bedeutete, dass ich es hörte, bevor es gefährlich nahe war – ich war fasziniert und begeistert von dieser neuen Fähigkeit.

Mit späteren Verbesserungen von Hörgeräten könnte ich auch unterschiedliche Raumakustiken wahrnehmen (zum Beispiel klingt dieser Raum eher nachhallend als andere). Ich konnte den Wecker an unserem Ofen hören… das Tippen auf der Tastatur… die Vögel zwitschern… die Blätter rascheln. Viele kleine Geräusche, die mein Hörleben bereicherten. Diese Hörwahrnehmungen haben mich definitiv näher an das gebracht, was Normalhörende hören – ein echter Vorteil!

Zurück zu der Broschüre, die mir ein „normales Gehör“ versprach. Wenn der Text gelautet hätte: „Mit unseren brandneuen Hörgeräten werden Sie einen Schritt näher am normalen Hören sein!“, wären meine ursprünglichen Erwartungen anders gesetzt worden, realistischer und mit einer Chance, erfüllt zu werden. Mit anderen Worten, ein Versprechen, das Wirklichkeit werden kann, ist das, was ich unter wirklichem Erfolg verstehe. Sogar kleine Verbesserungen des Hörvermögens können einen großen Einfluss auf das Leben eines hörgeminderten Menschen haben. Ich denke, es sind oft die kleinen Dinge im (Hör-)Leben, die zählen!

Heute weiß ich in meiner aktuellen Position als Claim Substantiation Manager, dass eine Werbebotschaft das Versprechen eines Vorteils (Behauptung) sein kann, das impliziert, dass die Botschaft wahr ist. Dieses Versprechen kann die Erwartungen von Personen mit Hörverlust stark beeinflussen und sollte daher an die Produktleistung angepasst werden, um angemessene Erwartungen zu schaffen. Meine persönlichen Erfahrungen in der Vergangenheit in Verbindung mit meiner audiologischen Ausbildung helfen mir, das geeignete Evidenzniveau zu finden, um wissenschaftlich zu belegen, was wir hinsichtlich der Leistungsfähigkeit unserer Hörtechnologien versprechen.

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