Aus der Praxis

Kein Hörverlust und doch nicht verstehen?

Wenn man trotz intaktem Innenohr "schlecht hört"

Es klingt wie ein unlösbares Rätsel… ist es aber nicht: neben den typischen Hörverlusten (SES, SLS) gibt es „Hörverluste“ die man eher als „Hörminderungen“ bezeichnen könnte, da sie eine normale Hörschwelle aufweisen.

Wie kann man sich das erklären? Es ist doch unlogisch, dass man schlecht hört, wenn doch das Innenohr mit seinen Haarsinneszellen einwandfrei funktioniert … oder kommen etwa im Gehirn falsche Informationen an? Ist der Speicher im Kopf vielleicht schon voll oder kann sich das Gehirn gegen Informationen wehren? Speicher nein, Gegenarbeiten jein.

Da das Verstehen mehr im Gehirn stattfindet als im Ohr, tragen viele Faktoren, wie Aufmerksamkeit, Sprache und kognitive Verarbeitung dazu bei, auditive Informationen zu verarbeiten. Für einige Menschen ist das Sprachverstehen durch eine Einschränkung einer dieser Funktionen verringert, zum Beispiel durch eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus-Spektrums-Störung (ASS), um nur einige zu nennen.

AVWS beispielsweise, ist eine Störung der Weiterverarbeitung gehörter Informationen. Dabei liegt weder eine Störung des Hörorgans selbst, noch eine Intelligenzminderung vor. Die Störungen betreffen den Hörnerven. Als Ursachen werden medizinische Faktoren oder Umwelteinflüsse vermutet, die häufig aber nicht klar belegt werden können. Der Hörnerv leitet die Informationen an das Großhirn weiter, die dann dort weiter verarbeitet werden. Der Prozess der Weiterverarbeitung wird in auditive Teilfunktionen unterteilt, die in unterschiedlicher Art und Ausprägung betroffen sein können.

So ist in der Regel die auditive Merkfähigkeit für mehrgliedrige Aufträge gestört, das längere Zuhören (z.B. bei einer Geschichte) nicht gegeben oder Sprache in unruhiger Umgebung bzw. auf Abstand zum Sprecher schwer verständlich. Eine einfache Busfahrt wird zur Herausforderung: „Macht zweifünfzig (… oder dreifünfzig…) für das Ticket?“ Zuhause angekommen hört derjenige aus dem Nebenzimmer: „Hast Du Hunger? (… oder war es „Kummer“?…). Es scheint also entscheidend zu sein, Sprache bis in die kleinsten Bedeutungseinheiten (Phoneme) auflösen zu können (war es: „Pfand“, „Sand“, „Band“, „Rand“, „Land“ usw.), um dann über das erkannte Wort, und schließlich über die Kombination aus den einzeln gehörten Wörtern, den Satzinhalt zu verstehen.

How to recognize speech?

How to wreck a nice beach?

Ein entscheidender Erfolgsfaktor für das Sprachverstehen ist es also, eine ideale Voraussetzung zu schaffen, unter denen eine vollständige Spracherkennung überhaupt möglich wird! So sollte beispielsweise in einem Klassenraum immer ein Signal-Rausch-Abstand (SNR) von mind. 15dB vorliegen (d.h. Sprache 15dB lauter als Umgebungsgeräusche), so dass Schüler Sprache gut hören, auflösen, unterscheiden und damit verstehen können. Dieselben Herausforderungen bestehen auch in vielen Situationen im Berufsalltag (Bürolärm) oder in Freizeit (Restaurant, Verein, Einkaufen). Der Weg den SNR möglichst positiv zu halten, ist der wesentliche Ansatz für Menschen mit einer zentralen Verarbeitungsproblematik für das Sprachverstehen. Aber wie lässt sich das umsetzen? Über ein kleines drahtloses Mikrofon kann die Stimme des Sprechers (z.B. Lehrkraft, Partner) ohne den Einfluss von Abstand und Nebengeräuschen über passende Empfänger an das Ohr des Betroffenen übertragen werden, so dass immer ein stark positiver SNR am Trommelfell anliegt (oft größer 15dB). So als ob der Sprecher in unmittelbarer Umgebung stünde. Eine innovative Technik mit kristallklarer Sprachübertragung und eine offene Anpassung (z.B. Warnsignale im Straßenverkehr …normale Hörschwelle!) stellen sicher, das wichtige Sprachinformationen aus nächster Nähe, von Sprechern weiter entfernt oder in Nebengeräuschen immer verstanden werden können.

Das wir mit dieser Lösung auf dem richtigen Weg sind, zeigen uns die positiven Rückmeldungen (Collin B., 28. J., an ASS erkrankt):

„Und ich verstehe plötzlich richtig. Verstehe alle Worte, kann mich besser konzentrieren darauf. Kann auf ganz andere Dinge achten und habe viele Dinge gesehen, die ich vorher gar keine Konzentration zu sehen hatte. Ich höre wunderschöne Klänge, die mir gar nicht bekannt sind (ich schaue die 5 teilige DVD-Box schon über mindestens 2 Jahre jeden Abend), welche gar nicht verarbeitet werden konnten in meinem Gehirn. Die Worte ebenso wie Töne und Klänge von Tieren, von Musik. Ein ganz neues Hörerlebnis und damit auch ein ganz neues Filmerlebnis. Ich fühlte mich plötzlich so anwesend. […] Endlich höre ich wie ich es mir immer habe gewünscht: klar und deutlich ohne das meiste gehörte zu erraten. Kein kruscheln, nuscheln und all das. Alles kommt klar im Kopf an. […] Dieses kleine tolle Gerät macht nicht alles gut, aber es macht es besser.“

 

Durch den drahtlosen, direkten Kontakt zum Sprecher habe ich das Gefühl, dass diese Menschen nun nicht mehr „offline“, sondern auf einmal „online“ sind und einen echten „Zugang“ zu Sprache haben – mehr im Leben – mehr dabei! Es ist herrlich zu sehen, wenn Hörbarrieren überbrückt werden und Menschen sich wieder besser in das Leben integrieren können. Dies treibt mich an, jeden Tag, die besten Hörlösungen für Ihre Kunden zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen.

 

 

 

Quellen:

Dahlquist, L.H. (1998, March). Classroom amplification: Not just for the hearing impaired anymore. Paper presented at the California State University Northridge Center Conference, Los Angeles, CA. / Smaldino, J.J., & Crandell, C.C. (2000). Classroom amplification technology: Theory and practice. Language, Speech and Hearing Services in Schools, 31, 371-375. doi: 10.1044/0161-1461.3104.371

Crandell, C., Bess, F. (1987). Developmental changes in speech recognition in noise and reverberation. ASHA, 29, 170.

Rance, G., Saunders, K., Carew, P., Johansson, M., Tan, J. (2013). The use of listening devices to ameliorate auditory de.cit in children with autism. The Journal of Pediatrics vol 164 (2). pp 352-57.

Johnston, K., John, A., Kreisman, N., Hall, III J., Crandell, C. (2009). Mutiple bene.ts of personal FM system use by children with auditory processing disorder (APD). International Journal of Audiology vol 48 (6). pp. 371-83.

Vorherige Kommentare
  1. Danke für den Beitrag. Mein Vater, mit zunehmendem Alter, leidet merklich unter Hörproblemen. Er weigert sich zum Ohrenarzt oder Hörgeräteakustiker zu gehen, deshalb wollte ich mich informieren. Ich nehme an, dass es doch Sinn macht da auch er keinerlei kleinere Geräusche wahrnehmen kann, ohne sich vollständig darauf zu konzentrieren.

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