Aus der Praxis

Coronavirus, Hörverlust und mentale Gesundheit

Auswirkungen von räumlicher Distanzierung auf Hörverlust, Einsamkeit, mentale Gesundheit und kognitive Funktionen während der Corona-Pandemie.

Dr. Jenna Littlejohn forscht schwerpunktmäßig zum Thema Kognition und Hörverlust. In diesem kurzen Interview erläutert sie, wie sich COVID-19 auf die mentale Gesundheit und die kognitiven Fähigkeiten älterer Personen auswirkt, insbesondere wenn sie einen Hörverlust haben. Wir bei Phonak glauben, dass das Wohlbefinden ein wichtiges Thema für Hörakustiker ist und wir freuen uns daher, dass sie ihre Expertise in diesem Bereich mit uns teilt.

Hier ist unser Interview…

 

Dr. Littlejohn, vielen Dank, dass Sie uns heute an Ihren Erkenntnissen teilhaben lassen. Wie hat sich Ihrer Ansicht nach die Pandemie auf das Wohlbefinden ausgewirkt, insbesondere bei Menschen mit Hörverlust?

Die Corona-Pandemie hat den Umgang miteinander und die Art, wie wir unser Leben gestalten, dramatisch verändert. Überall auf der Welt wurden Kontaktbeschränkungen erlassen, welche die Kommunikation in unserem sozialen Umfeld eingeschränkt haben.

Menschen mit Hörverlust sind dabei noch einmal besonders betroffen, z. B. weil Routinetermine beim Hörakustiker oder Audiologen verschoben werden oder ganz entfallen, oder durch die Maskenpflicht, die das Lippenlesen und die Sprachverständlichkeit erschwert.1 Und das Virus kann auch konkret das Gehör schädigen und den Tinnitus verstärken.2

Darüber hinaus könnte die Pandemie weitere kurz- und langfristige Auswirkungen auf das soziale und emotionale Wohlbefinden und die Gesundheit der älteren Bevölkerung haben und ältere Menschen mit Hörverlust wären dann in besonderem Maße davon betroffen.

 

Wie würde sich das konkret auf den Alltag der Menschen auswirken?

In Großbritannien z. B. wurden Menschen über 70, die als „gesundheitlich gefährdet“ gelten und daher einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, durch das Virus schwer zu erkranken, gebeten sich „abzuschirmen“ (d. h. ihre Kontakte streng zu beschränken und möglichst nicht aus dem Haus zu gehen). Wir wissen, dass die Hälfte der über 70-Jährigen allein lebt,3 und daher auf die Kommunikation mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts angewiesen ist. Durch moderne Kommunikationsmittel wie Telefon, E-Mail oder Video-Chats ist es möglich, Kontakt zu einem größeren Personenkreis zu halten. Allerdings sind mehr als 70% der über 70-Jährigen auch von Hörverlust betroffen,4 und das könnte es erschweren, diese alternativen Kontaktwege sinnvoll zu nutzen.

 

Welche Nachteile erfahren besonders Menschen mit Hörverlust?

Wir wissen, dass Hörverlust stark mit Depressionen,5 Isolation und Einsamkeit einhergeht.6 Es ist daher plausibel, dass Senioren mit Hörverlust in der Pandemie besonders benachteiligt sind, weil ihnen das Telefonieren schwerfällt und auch Videotelefonie mit den typischen Tonverzerrungen und Verzögerungen eine Herausforderung darstellt.

Des Weiteren haben Studien gezeigt, dass Menschen mit Hörverlust ein höheres Risiko haben, kognitive Beeinträchtigungen und Demenz zu entwickeln.7 Die Ursache für dieses erhöhte Risiko kennen wir nicht, aber eine Theorie besagt, dass Hörverlust hierbei indirekt Einfluss nimmt, über seine psychosozialen Folgen. So fühlen sich Menschen mit Hörverlust eher isoliert und einsam, was wiederum zu einem höheren Risiko führt, eine Demenz zu entwickeln.8,9

Die erzwungene räumliche Distanzierung könnte daher gravierende Auswirkungen auf die mentale Gesundheit älterer Menschen mit Hörverlust haben, ihre Einsamkeit und Isolation während der Pandemie verstärken und damit das Risiko, im Anschluss eine Demenz zu entwickeln, erhöhen.

… die erzwungene räumliche Distanzierung könnte daher gravierende Auswirkungen auf die mentale Gesundheit älterer Menschen mit Hörverlust haben, ihre Einsamkeit und Isolation während der Pandemie verstärken und damit das Risiko, im Anschluss eine Demenz zu entwickeln, erhöhen.

 

Verraten Sie uns etwas über die Ergebnisse Ihrer aktuellen Studie zu diesem Thema?

Um dies genauer zu untersuchen, haben wir im Mai 2020 eine Online-Studie gestartet. Wir baten Freiwillige im Alter von über 70 Jahren eine Reihe von Fragebögen auszufüllen, die Fragen zu Hörverlust, Umfang der sozialen Interaktion, Einsamkeit, Angst, Depression und kognitiven Fähigkeiten enthielten. Anschließend konnten wir die Ergebnisse aus den Fragebögen mit den selbstberichteten Hörproblemen vergleichen, um Unterschiede in Abhängigkeit von den Hörlevels zu erkennen. Außerdem baten wir die Teilnehmer 12 Wochen nach dieser Befragung einen Follow-up-Fragebogen auszufüllen, um herauszufinden, ob die Auswirkungen der Pandemie möglicherweise länger anhalten.

In der Online-Studie hatten die Teilnehmer zudem die Möglichkeit, genauer zu beschreiben, wie sie den Lockdown erlebt haben, welche Erfahrungen sie dabei machten und was die Herausforderungen waren. Diese Angaben können wir nutzen, um mögliche Ursachen für die Befunde zu finden und Strategien zu entwickeln, mit denen sich die sozialen Kontakte und die mentale Gesundheit in der Zukunft verbessern lassen.

 

Die Berichte der Teilnehmer wären für uns sehr interessant. Was hat die Befragung ergeben?

Unsere vorläufigen Analysen zeigen, dass es während der Corona-Pandemie einen signifikanten Zusammenhang zwischen Hörschwierigkeiten und Einsamkeit, Depression und kognitiver Dysfunktion gab. Zudem berichteten Personen mit stärkerem Hörverlust häufiger von negativen Veränderungen ihres Gedächtnisses während der gebotenen räumlichen Distanzierung. Wir sind noch dabei, die Follow-up-Ergebnisse zu analysieren, um herauszufinden, ob die Effekte möglicherweise langfristig sind.

 

Dies erklärt zweifellos, warum diese Pandemie älteren Menschen so sehr zu schaffen macht. Wenn Sie uns Hörakustikern drei Tipps geben könnten, wie wir unseren Kunden helfen können, ihr Wohlbefinden während der räumlichen Distanzierung zu erhalten, welche wären das?

  1. Die Hörversorgung muss aufrechterhalten werden (auch aus der Ferne), um Menschen mit Hörverlust den Zugang zur Kommunikation zu sichern.
  2. Melden Sie sich bei Ihren Kunden. Fragen Sie sie gegebenenfalls nach ihren sozialen Kontakten und ihrer mentalen Gesundheit und verweisen Sie bei Bedarf auf den Hausarzt.
  3. Ziehen Sie es in Erwägung, auf Ihrer Webseite Informationen bereitzustellen, die Menschen mit Hörverlust helfen, ihre sozialen Kontakte und ihre mentale Gesundheit zu verbessern.

 

Vielen Dank, Dr. Littlejohn, für diese interessanten Einsichten zum Thema Wohlbefinden. Es wäre wunderbar, wenn wir die Ergebnisse aus Ihrer Follow-Up-Studie auf unserem Blog veröffentlichen dürften, sobald sie vorliegen.

Gern.

 

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Um mehr über dieses Thema zu erfahren, können Sie den Bericht über die vorläufigen Forschungsergebnisse in der Zeitschrift Hearing Research (in Vorbereitung) nachlesen und sich einen Podcast speziell zum Thema Hörverlust, Einsamkeit und Isolation anhören.

 

Quellenangaben

  1. Chodosh, J., Weinstein, B.E., & Blustein, J. (2020). Face masks can be devastating for people with hearing loss. BMJ; 370, m2683.
  2. Munro, K.J., et al., (2020). Persistent self-reported changes in hearing and tinnitus in post-hospitalisation COVID-19 cases. International Journal of Audiology, 1-2.
  3. Age UK (2019). Later life in the United Kingdom 2019. Retreived from https://www.ageuk.org.uk/globalassets/age-uk/documents/reports-and-publications/later_life_uk_factsheet.pdf.
  4. Goman, A.M. & Lin, F.R. (2016). Prevalence of Hearing Loss by Severity in the United States. American Journal of Public Health, 106(10), 1820-2.
  5. Mener, D.J., et al., (2013). Hearing loss and depression in older adults. Journal of the American Geriatrics Society, 61(9), 1627-1629.
  6. Mick, P., Kawachi, I., & Lin, F.R. (2014). The association between hearing loss and social isolation in older adults. Otolaryngology–Head and Neck Surgery, 150(3), 378-384.
  7. Livingston, G., et al. (2020). Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. The Lancet. 396(10248), 413-446.
  8. Fratiglioni, L., et al., (2000). Influence of social network on occurrence of dementia: A community-based longitudinal study. The Lancet, 355(9212), 1315-1319.
  9. Wilson, R.S., et al. (2007). Loneliness and risk of Alzheimer disease. Archives of General Psychiatry, 64(2), 234-240.

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