Aus der Praxis

Was wissen Menschen mit Hörverlust eigentlich über Hörverlust?

Betroffene wissen natürlich, in welchen Situationen sie am meisten Schwierigkeiten haben und wie sich ein Hörverlust anfühlt. Aber nichtsdestotrotz gibt es einiges, was nur der Hörakustiker weiß.

Neulich habe ich eine E-Mail von einem Hörakustiker bekommen, der mich gefragt hat, wie er einem Kunden am besten helfen kann, an seinem lauten Arbeitsplatz besser zu hören. Als die Frage nach drahtloser Mikrofontechnologie aufkam, meinte der Betroffene wohl: „Nein, das würde in meiner Situation nicht funktionieren, weil es zu laut ist.“ Also wurde ich gebeten, andere Vorschläge zu liefern. Hmm, ok, das ist nicht so einfach.

Erstens denke ich, wir müssen uns im Klaren sein, wann wir auf unsere Kunden hören sollten und wann es bei uns als Experten liegt, die Dinge in die Hand zu nehmen und unsere Kunden zu beraten. Als hörgeminderter Audiologe kenne ich beide Situationen und möchte ein paar Vorschläge machen.

Hier erst einmal eine Liste von Dingen, die eine Person mit Hörverlust am besten kennt und beurteilen kann:

1. Die verschiedenen Hörsituationen, die Schwierigkeiten machen

Listen Sie alle auf und überlegen, wie Sie dem Kunden helfen können, diese Herausforderungen zu meistern.

2. Wie es sich anfühlt, in einer bestimmten Hörsituation zu sein

Fragen Sie ruhig ganz genau nach. Wenn ein Kunde sagt: „Ich konnte bei der Hochzeit meiner Tochter nichts hören.“, finden Sie heraus, wie er sich deswegen gefühlt hat. Es ist gut, die Gefühle und Frustrationen der Kunden zu kennen und zu verstehen.

3. Vergangene Erfahrungen mit Technik – gute wie schlechte

Besprechen Sie diese Erfahrungen, um zu sehen, womit Sie es zu tun haben. Finden Sie zum Beispiel heraus, ob in der Vergangenheit drahtlose Mikrofontechnik oder Richtmikrofone verwendet wurden. Wenn eine Lösung früher verwendet und als „Ausfall“ eingestuft wurde, erfragen Sie unbedingt, wie die Beratung und Einweisung dazu ausgefallen ist.

Kurz gesagt: Kunden kennen Situationen, in denen sie die meisten Schwierigkeiten haben, besser als Sie und wissen genauer, wie es sich anfühlt, einen Hörverlust zu haben.

Aber hier ist eine Liste von Dingen, die Kunden nicht unbedingt wissen und wo das Fachwissen des Hörakustikers gefragt ist.

1. Ob wirklich ein Hörgerät nötig ist oder nicht

2. Welche Funktionen im Hörsystem benötigt werden

3. Welcher Hörgerätetyp am geeignetsten ist

Sie können sich noch so sehr ein winziges Hörgerät wünschen, wenn der Hörverlust zu groß ist, ist es einfach nicht machbar. Punkt. Viele Patienten haben eine große Auswahl an Formfaktoren, einige jedoch nicht. Hier liegt es bei uns als Experten, die Kunden durch die Auswahl zu führen und zu beraten.

4. Welche Technologie für den Umgang mit Lärm gefragt ist

Wenn ein Patient einen mittleren Hörverlust hat und ein Sprachtest-im-Störgeräusch wie der LiSN-S PGA ergibt, dass eine drahtlose Mikrofontechnologie benötigt wird, muss der Hörgeräteakustiker dies kommunizieren. Kunden können nicht einschätzen, welche Technologie benötigt wird. Sie kennen nur die Situationen, die sie herausfordernd finden.

5. Effektive Anwendung der Ausrüstung

Sie können das Gerät nicht einfach an den Kunden übergeben und hoffen, dass er herausfindet, wie er es in schwierigen Hörsituationen am besten nutzt. Kunden brauchen unsere Beratung und ein Coaching.

Ich bin überzeugt, wir müssen aufhören, Kunden die falschen Dinge entscheiden zu lassen. In meiner mehr als 20-jährigen Berufserfahrung habe ich zahlreiche Menschen getroffen, die kleine gut versteckte Hörgeräte tragen und damit nicht die richtige Verstärkung bekommen. Wir sollten hier dringend die Führung übernehmen, unserer Rolle als Berater gerecht werden und unseren Kunden zu einer angemesseneren Verstärkung verhelfen.

Wir sollten auch nicht nur die Verstärkung, sondern auch die Anforderungen an das Hören im Störgeräusch im Blick haben. Diese Anforderungen hängen oft von individuellen Situationen ab, die der Betroffene öfter erlebt. Braucht er dafür eine Richtmikrofontechnologie? Welche Art von Richtmikrofonen sollte es sein? Wird eine Richtmikrofontechnologie ausreichen oder brauchen wir auch eine drahtlose Mikrofontechnologie? Die meisten Patienten mit mittlerem und schwerem Hörverlust werden sich wahrscheinlich regelmäßig in Situationen wiederfinden, in denen ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat nicht ausreicht.

Ich stimme zu, dass wir niemanden dazu zwingen können, unseren professionellen Rat einzuholen. Aber Kunden haben ein Recht darauf, informierte Entscheidungen zu treffen. Meiner Meinung nach sind wir als Hörakustiker verpflichtet, ihnen alle Fakten zu nennen. Wenn ich über Richtmikrofone, drahtlose Mikrofonsysteme und andere Hilfsgeräte aufkläre, fragen mich Patienten viel zu oft: „Wie kommt es, dass ich zum ersten Mal davon höre?“

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