Aus der Praxis

Psst – seid doch mal leise!

Alltäglicher Schullärm kann sich gravierend auf die (Hör-)Gesundheit von Schülern und Lehrern auswirken. Doch es gibt Lösungen gegen die akustische Belastung im Klassenzimmer.

Kennen Sie das noch aus Ihrer Schulzeit? Sie sitzen in der hinteren Reihe und irgendwie hören Sie alles – nur nicht die Lehrkraft. Da wird getuschelt, diskutiert und für den Nachmittag verabredet…und plötzlich dringt eine laute Lehrerstimme nach hinten durch mit der Bitte um Aufmerksamkeit. Stimmt, da war ja noch jemand! Ganz schön anstrengend, so eine Schulstunde. Obwohl man eigentlich nur zuhören muss, ist man öfter „fix und fertig“. Aber woher kommen eigentlich diese Umgebungsgeräusche, wenn alle doch nur ganz leise reden? Da treffen gefühlt zwei Fronten aufeinander – schauen wir uns das mal an.

Für optimales Verstehen und Lernen – egal ob in Klassenzimmern, Schulungs- oder Besprechungsräumen – sollten alle Zuhörer in der Lage sein, die Stimme des Sprechers optimal zu verstehen. Nehmen wir das Beispiel eines Klassenzimmers, in dem Schüler 75% des Tages mit Aktivitäten verbringen, die mit Hören, Zuhören und Verstehen zu tun haben.1 Die Anzahl der Schüler pro Klasse steigt kontinuierlich, die Anzahl der Schüler mit Migrationshintergrund überproportional. Gutes Verstehen wird also immer wichtiger und zugleich in der großen Gruppe immer schwerer. Nicht ohne Grund gab es in der Schulgeschichte schon sogenannte „Sprachlabore“, in denen eine Fremdsprache über Kopfhörer gelehrt wurde, um alles optimal hörbar zu machen – die sich aber leider nicht durchgesetzt haben.

Für Lehrer bedeutet die erhöhte Schülerzahl oft mehr stimmliche Anstrengung und psychische Belastung durch den erhöhten Klassenraumlärmpegel von 60 bis 77 dB(A)2. Es ist zwar schön zu sehen, dass Klassenräume zunehmend entweder modernisiert werden oder beim Neubau die komplette technische und optische Ausstattung erhalten: eine ansprechende Raumgestaltung, gute Lichtausstrahlung, Internet, interaktive digitale Wandtafeln, usw. Die Klassenraumakustik wird dabei jedoch häufig nicht berücksichtigt. Schallharte Flächen und der Abstand zwischen Sprecher und Zuhörer führen zu zwei Herausforderungen: unerwünschte späte Echos (Nachhall) und ein unvorteilhaftes Lautstärkenverhältnis von Sprache (Lehrkraft) zu Störlärm (Klassenraumlärmpegel).

Die DIN 18041 (2016) empfiehlt für Klassenräume, je nach Einsatz des Raumes (Sprach-, Musikunterricht) und Volumen, einen Nachhallwert von max. ca. 0,5 sec. Die Realität zeigt, dass dieser in den wenigsten Fällen umgesetzt wird: Jeder dritte Klassenraum erfüllt die akustischen Anforderungen nicht3, teilweise liegen die Nachhallzeitwerte bei über 2 sec. Die Folge: schlechtes Sprachverstehen.

Das Abklingen der Stimme im Klassenzimmer: Spricht eine Lehrkraft mit 70dB gemessen in 1m Abstand, so reduziert sich die Sprachlautstärke mit 6dB pro Abstandverdopplung, der Störlärm (mittlere Umgebungsgeräusche, 60dB) bleibt konstant. Schon ab 4m überwiegt der Störlärm zur Sprache (SNR = -2dB)

Schallabsorbierende Maßnahmen wie Deckenabsorber, aber auch Gardinen etc. können helfen, den Nachhall maßgeblich zu reduzieren. Ein reduzierter Nachhall ändert jedoch immer noch nichts daran, dass Sprache in einem bis zu 10m langen Klassenraum über die Länge abklingt: Nehmen wir an, die Lehrkraft spricht mit 70dB gemessen in 1m Abstand. Die Sprachlautstärke reduziert sich nun mit 6dB pro Abstandverdopplung, der Störlärm (mittlere Umgebungsgeräusche, 60dB) bleibt konstant. Schon ab 4m überwiegt der Störlärm zur Sprache (SNR = -2dB). Um ein effektives Sprachverstehen zu erreichen, ist ein Vorteil von +15dB erforderlich – und das idealerweise an jedem Platz im Klassenzimmer. Wie kann dies erreicht werden? Und wie kann die stimmliche Belastung der Lehrkräfte reduziert werden, die wöchentlich zu 1 Million ersatzlos ausgefallenen Unterrichtsstunden in Deutschland führt4?

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI 2058) schreibt in Räumen, in denen vorwiegend geistige Tätigkeiten ausgeübt werden, einen Störschallpegel von höchstens 55 dB vor (so wie in jedem ruhigen Büro). Da(s) soll einer „verstehen“…

Um diese Werte und ein gutes Sprachverstehen bei Schülern sowie eine möglichst geringe stimmliche Anstrengung bei der Lehrkraft zu erreichen, werden zunehmend sogenannte Soundfield Anlagen eingesetzt. In den USA und in Kanada wurden bereits Tausende solcher Systeme installiert, da immer mehr Schulen die Vorteile entdecken. Zahlreiche Untersuchungen in den letzten 20 Jahren haben gezeigt, dass durch den Einsatz von Soundfield die Prüfungsergebnisse und die Mitarbeit der Schüler gefördert und gleichzeitig das Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten und Stimmproblemen bei den Lehrkräften reduziert wird.

Ein Soundfield System besteht aus einem drahtlosen Sendermikrofon und einem oder mehreren Lautsprechern, die Sprache überall in den Raum annähernd gleichmäßig und damit gut hörbar verteilen. Moderne Systeme schaffen es dank einer zylindrischen Schallabstrahlung bereits mit nur einer Klangsäule, den Schall mit nur 3dB Abstandverlust im Raum zu verteilen, so dass die Stimme annähernd gleichlaut im Raum verteilt ankommt. Ein normaler Monolautsprecher mit Kugelcharakteristik schafft das nicht, und so könnte es zwar für Schüler in der letzten  Reihe angenehm sein, aber in der ersten Reihe kommt das Schallsignal viel zu laut an. Ein weiterer Punkt ist die Übertragungscharakteristik: Gute Systeme verstärken nur minimal im sprachrelevanten Bereich und passen sich adaptiv den Umgebungsgeräuschen an, so dass stets die „akustische Oberhand“, sprich ein positiver SNR, an allen Plätzen im Raum besteht – und damit optimale Hörbedingungen für den Lernerfolg der Schüler.

Studien zeigen: Auch Lehrer profitieren deutlich von einer Soundfield Anlage, die für 100% weniger Stimmermüdung sorgt (die Abwesenheit von Lehrkräften auf Grund der stimmlichen Anstrengung und Ermüdung reduzierte sich innerhalb eines Jahres von 15% auf einen Durchschnittwert von 2-3%)5.

Untersuchungen von Prof. Dr. Marion Herrmann-Röttgen, Professorin für Gesundheitswissenschaft, Lehrpädagogin und Sprecherzieherin zeigen die Vorteile eines Soundfield Systems in der modernen Unterrichtsgestaltung6:

  • keine/reduzierte Stimmanstrengung
  • Sprecher müssen nichts wiederholen
  • Deutlich weniger Nebengeräusche
  • Höhere Aufmerksamkeit, gerade in den letzten Schulstunden
  • Signifikante Beschleunigung der sprachlichen Entwicklung schwacher Kinder
  • Bessere Lernleistung der Kinder

Wer mehr über Akustik und Soundfield in Schulen erfahren möchte, dem empfehle ich die Lektüre der vier Studien zum Thema Akustik und Lernverhalten von Marion Hermann-Röttgen und Gero Kerig (2015, ISBN 978-3-95612-102-9).

 

1 Dahlquist, L.H. (1998, March). Classroom amplification: Not just for the hearing impaired anymore. Paper presented at the California State University Northridge Center Conference, Los Angeles, CA. / Smaldino, J.J., & Crandell, C.C. (2000). Classroom amplification technology: Theory and practice. Language, Speech and Hearing Services in Schools, 31, 371-375. doi: 10.1044/0161-1461.3104.371

2 Dockrell J, Shield B (2004). Children’s perceptions of their acoustic environment at school and at home. J Acoust Soc Am 115: 2964-2973.

3 „Lärmschutz in Hessen“, Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Heft 4, 2007

4 Spiegel Online (2012): Unterrichtsausfall. Gymnasiasten verpassen ein ganzes Schuljahr. www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/unterrichtsausfall-gymnasiasten-verpassen-ein-ganzes-schuljahr-a-812028.html

5Das MARRS Projekt: Mainstream Amplification Resource Room Study. 2005. http://www.classroomhearing.org/research/marrsStudy.html (letzter Zugriff: 28.11.2016)

6 Hermann-Röttgen, M., Kerig, G. (2015). Besser hören – besser zuhören – besser lernen: Vier Studien zum Thema Akustik und Lernverhalten. opus magnum.

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