Prof. Dr. Stefan Launer, Senior VP Science and Technology bei Sonova

Hörgeräte – die letzte Meile ans Ohr?

Wohin die Reise in der Hörgeräteversorgung gehen wird, warum Technik alleine nicht mehr alles ist und wie sich die Rolle der Hörakustiker verändern könnte.

Digitale Hörgeräte, Richtmikrofontechnologie und Anbindung an das Smartphone: Die Digitalisierung hat die Hörgerätetechnologie in den letzten beiden Jahrzehnten revolutioniert – und uns viele neue Möglichkeiten eröffnet, Menschen mit Hörverlust immer besser zu versorgen. Was da noch kommen soll? Auch wenn wir technologisch noch Luft nach oben haben, wird es in der Hörgeräteentwicklung zukünftig nicht mehr nur ein Schneller, Höher, Weiter geben. Während sich die Forschung und Entwicklung viele Jahre weitgehend darauf konzentriert hat, die Grenzen der Technik weiter zu verschieben, hat sich inzwischen ein ganzheitlicher Blick auf das Hören durchgesetzt. Heute stellen Forscher mehr den Menschen und die Frage in den Mittelpunkt, was Schwerhörigkeit für ihn bedeutet und wie die Technologie ihn im Alltag unterstützen kann.

Die Stimme als Biomarker

Was lange bei der Entwicklung von Hörlösungen keine Rolle gespielt hat: Das Hören ist unser sozialer Sinn – er beeinflusst die Kommunikation mit unserer Umwelt wie kein anderer. Schlechtes Hören bedeutet für Betroffene nicht nur, dass sie Schwierigkeiten haben, Worte zu verstehen, sondern sie können auch oft nicht die Tonlage und Emotionen in der Stimme des Sprechers richtig zuordnen – obwohl diese Informationen für die Kommunikation genauso wichtig sind wie die gesprochenen Worte. Genau damit beschäftigt sich eine neue Forschungsrichtung, die sich „Voice as a biomarker“ nennt und sich damit auseinandersetzt, was uns die Stimme über unseren Gemüts- und Gesundheitszustand verraten kann. Auch wenn es hier nicht morgen fertige Lösungen geben wird, verfolgen wir das Thema auch bei Sonova intensiv und sehen großes Potenzial für eine neue Generation an Hörlösungen.

Vom Hörgerät zum Personal Communication Assistant

Weiterhin spannende Möglichkeiten bietet uns auch die drahtlose Anbindung, die schon heute dafür sorgt, dass Hörgeräte quasi immer online und digital vernetzt sind. Das öffnet die Tür für eine ganze Reihe an neuen Services, wie Transkription oder Übersetzung des Gehörten in Echtzeit. Und natürlich den weiteren Ausbau des Remote Support – per drahtloser Anbindung können Hörakustiker ihren Kunden jederzeit bei der Feinjustierung helfen, egal wo auf der Welt und in welcher Situation sie sich gerade befinden.

Generell wird das Hörgerät immer mehr zum Personal Communication Assistant. In naher Zukunft könnten unsere Kunden morgens aufstehen, zum Hörgerät greifen und sich erst einmal von ihrem Kühlschrank sagen lassen, was es alles zu essen gibt. Auch könnten Hörgeräte so etwas wie eine „Messbox“ für Vitalparameter wie Herzrate, Temperatur oder Hirnströme werden – und das in gar nicht allzu ferner Zukunft. Hörgeräte sind sozusagen „die letzte Meile ans Ohr“ und der prädestinierte Ort, um die Vernetzung und Kommunikation zu bündeln, die wir uns schon lange wünschen und für die wir heute über die technische Grundlage verfügen.

Zur Gesundheitsprävention zum Hörakustiker

Nicht zuletzt könnten Hörakustiker eine zentralere Rolle spielen, wenn es um Gesundheitsprävention geht. Auf der Grundlage von Gleichgewichttests, wie Hörakustiker sie u.a. in den USA schon anbieten, können sie ihre Kunden zu Themen wie Tinnitus und Demenz noch besser beraten. Hier hoffe ich, dass auch Gesundheitsversorger bei uns bald erkennen, dass gutes Hören ein zentrales Element sein kann, wenn es um gesundes und glückliches Altern geht – und zukünftig mehr Geld für präventive Leistungen im Gesundheitssystem zur Verfügung stellen.

Mehr über die Zukunft der Hörgerätetechnologie gibt es zum Nachhören in einer aktuellen 5-teiligen Podcast-Serie der Hörakustik.

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