Beratungsstrategien für belastenden Tinnitus

Diesen Monat erläutert Dr. Pineault die beiden Hauptkomponenten des Tinnitus – Counseling, die Betroffenen helfen können, besser mit dieser häufigen Hörstörung umzugehen.

Die Vorteile einer allumfassenden Beratung für Menschen mit belastendem Tinnitus sind allgemein bekannt. Die American Academy of Otolaryngology empfiehlt dringend Beratung und Aufklärung, um die funktionellen und emotionalen Auswirkungen auf die Gesundheit zu mildern.1

Eine Umfrage unter 93 Betroffenen, die in Großbritannien Tinnitus-Behandlungen in Anspruch nahmen, ergab, dass das Tinnitus – Counseling (Beratung) im Vergleich zu Therapiemöglichkeiten wie Verstärkung oder Klangtherapie, als wirksamer eingestuft wurde.2

Zwei Bestandteile der Beratung, um Betroffenen mit belastendem Tinnitus zu helfen

In der Audiologie meint Counseling die Bereitstellung von Informations- und persönlichen Anpassdiensten für zu behandelnde Personen mit Hörherausforderungen wie eingeschränkter Hörfähigkeit, Tinnitus und Hyperakusis.3

1. Informative Beratung

Diese Komponente der Beratung konzentriert sich auf die Bereitstellung klarer, aktueller, evidenzbasierter und unvoreingenommener Informationen, um Erkrankte und ihre Angehörigen dabei zu unterstützen, eine fundierte Entscheidung über Behandlungsoptionen zu treffen.

Ziel ist es, Betroffene über eine Reihe von Themen wie audiometrische Testergebnisse, damit verbundene Hör- und Gesundheitszustände, Stressbewältigung und Strategien zur Klangbereicherung aufzuklären.

Diskussionsthemen:

Korrektur von Missverständnissen über Tinnitus, seinen Verlauf und Prognose und Behandlung(en).

Leider wird einigen Betroffenen immer noch gesagt, dass „nichts getan werden kann“, sich ihr Tinnitus „verschlimmern“ wird und sie schließlich „lernen müssen, damit zu leben“. Untersuchungen warnen davor, dass mehr als ein Drittel dieser Menschen online recherchiert und ungenaue und falsche Informationen zurückbehält.4 Daher profitieren Ärzte und Kliniken davon, Betroffene darüber aufzuklären, was Tinnitus ist und was nicht.

Laut einer kürzlich in Kanada durchgeführten epidemiologischen Studie ist subjektiver Tinnitus eine weit verbreitete Erkrankung, von der mehr als ein Drittel der Allgemeinbevölkerung betroffen ist.5 Er wird am häufigsten mit leichten gesundheitlichen Problemen wie z. B. dem Altern, Lärmbelastung, Bluthochdruck und Angstzuständen in Verbindung gebracht.

Derzeit verfügbare audiologische Bewältigungsstrategien können helfen, Komplikationen wie Hör- und Kommunikationsprobleme, Ablenkungs- und Konzentrationsschwierigkeiten, Schlaf- und emotionale Störungen zu reduzieren.

Überprüfung der Hör-Hirn-Verbindung:

Audiologen profitieren davon, wenn sie die Anatomie und Physiologie des Auditorischen Systems untersuchen, indem sie ihre Erklärungen auf die Hör-Hirn-Verbindung konzentrieren. Das charakteristische Symptom des subjektiven Tinnitus ist der Hörverlust.6, 7 Es wird geschätzt, dass bis zu 90 % der Tinnitus-Betroffenen zu höheren Pegeln verschobene Hochtonhörschwellen aufweisen.8, 9

Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Tinnitusschweregrad und emotionalem Stress:

Betroffene berichten mit größerer Wahrscheinlichkeit als Menschen ohne diese Erkrankung von hohem Stress, Angstzuständen und Depressionen.1, 10, 15 Es wird geschätzt, dass etwa 20 % der Tinnitus-Bevölkerung mit störendem Tinnitus zu kämpfen hat.11 Daher sollte der Zusammenhang zwischen Tinnitus-Belastung und emotionalem Stress insbesondere bei Patienten untersucht werden, die über ein schlechtes Wohlbefinden berichten.

Mehrere theoretische Rahmenkonzepte, wie die neurophysiologischen, kognitiven und Angst-Vermeidungs-Modelle von Tinnitus, wurden vorgeschlagen, um die Entwicklung negativer emotionaler Reaktionen bei den Erkrankten zu erklären.11, 12, 13, 14 Eine Annahme ist dabei all diesen Konzepten gemeinsam: Tinnitus-bedingter, emotionaler Stress verstärkt und erhält die negative Erfahrung mit der Erkrankung aufrecht.

Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass eine Zunahme des situativen Stresses, wie z. B. der Ausbruch der COVID-19 – Pandemie, einen bereits bestehenden Tinnitus verschlimmert.16 Viele Studien während der Pandemie haben auch die Notwendigkeit identifiziert, sich um die emotionale Belastung zu kümmern, die mit der Erfahrung von Tinnitus verbunden ist.16 Bei Betroffenen mit schwereren Anzeichen kann eine Überweisung an einen Psychologen erforderlich sein.

2. Persönliche Anpassungsberatung

Dieser Teil der Beratung konzentriert sich auf die emotionale Unterstützung von Betroffenen und ihren Familien bei der Bewältigung der psychosozialen Auswirkungen von Tinnitus.3

Ziel ist es, Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen und Überzeugungen anzusprechen, die von Erkrankten geäußert werden, in der Hoffnung, Veränderungen und Akzeptanz zu fördern. Der Einsatz effektiver Beratungsskills wie Empathie, aktivem Zuhören, nonverbaler Kommunikationsgewohnheiten und das Stiften von Hoffnung baut nachweislich Vertrauen auf, reduziert Stress, fördert die Kooperationsbereitschaft in der Therapie und verbessert die Ergebnisse.17, 18, 19

Kompetenzen und Einstellungen:

  • Einfühlungsvermögen zu zeigen, gibt Betroffenen das Gefühl, dass sie als Individuen wichtig sind und ihr Wohlergehen in guten Händen ist.
  • Sich die Zeit zu nehmen, den Kämpfen, Sorgen und Erwartungen Erkrankter zuzuhören, vermittelt Respekt vor ihrem eigenen Wissen und fördert die Selbstwirksamkeit.
  • Der Einsatz hilfreicher Körpersprache (wie z. B. Lächeln bei der Begrüßung, Vorbeugen beim Zuhören, angemessener Blickkontakt und Kopfnicken, ein freundlicher und ruhiger Tonfall) vermittelt Betroffenen positive Botschaften wie Mitgefühl und Kompetenz. Gute nonverbale Angewohnheiten sind ebenso wichtig wie klare verbale Kommunikationsfähigkeiten.
  • Das Vermitteln von Hoffnung kann Betroffenen helfen, mit der Situation besser fertig zu werden. Im Laufe der Zeit ist es ihnen möglich, die Kontrolle über den Tinnitus mithilfe personalisierter geplanter und gezielter Maßnahmen zurückzugewinnen. Studien zeigen, dass optimistisch gestimmte Erkrankte ein adaptiveres Bewältigungsverhalten zeigen, dass die Behandlung chronischer Symptome erleichtert.20

Beratung ist nicht die einzige audiologische Strategie – Hörsystemausprobe

Untersuchungen zeigen, dass die Beratung und die parallel dazu durch ein Hörsystem dargebotene Verstärkung die Wahrnehmung von Tinnitus und die Reaktion darauf erheblich verbessern können.1, 21, 22 Eine kurze Hörsystemausprobe ist daher oft der beste Weg, um die Vorteile der Verstärkung zur Linderung von Tinnitus zu erklären.


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Referenzen:

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